→ [[Startseite]] · [[Strategiepapier]] · [[Strategiepapier Berliner Senat|Strategiepapier Berliner Senat]] · [[Strategiepapier Freie Trägerschaft|Strategiepapier Freie Trägerschaft]] # ET Szenarien ## Was ein Educational Technologist konkret tut – zehn Beispiele aus Estland und Berlin *Vier dokumentierte Estland-Fälle · Sechs illustrative Berliner MINT-Szenarien · Klassen 5–10* ![[ET_Szenarien_Uebersicht.png]] > [!warning] Hinweis zur Methode > Die drei Estland-Beispiele in **Teil 1** sind dokumentierte Realfälle mit namentlichen Quellen. Die sechs Berliner Szenarien in **Teil 2** sind dagegen **illustrativ konstruiert** – keine realen Personen, Schulen oder Ereignisse werden dargestellt. Die zitierten Rahmenlehrplan-Passagen sind authentisch. --- Damit klar wird, wovon die Rede ist: kein abstraktes Konzept, sondern eine Rolle mit konkreten, alltäglichen Aufgaben. Im Folgenden zunächst vier dokumentierte Praxisfälle aus Estland – und anschließend sechs konstruierte Beispiele für den Berliner MINT-Unterricht, die zeigen, wie dieselbe Haltung im Berliner RLP-Kontext aussehen würde. Das gemeinsame Prinzip aller neun Beispiele: **Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet.** --- ## Teil 1 · Drei Praxisbeispiele aus Estland *Dokumentierte Fälle aus der estnischen Schulpraxis – real, benannt, nachvollziehbar.* > [!example] Estland · Beispiel 1 · Robotik im Mathematikunterricht – wie Kompetenz übertragen wird > > **Quelle:** Leoste & Heidmets (2019), n=134 estnische Lehrkräfte > > --- > > Leoste & Heidmets untersuchten 134 estnische Lehrkräfte, die mit Begleitung eines Educational Technologist jeweils bis zu 15 robotergestützte Mathematikstunden durchführten. > > Die ET-Rolle als technische Unterstützung und Robotik-Erklärer war in den ersten Stunden am stärksten gefragt – und verlor danach schnell an Bedeutung. Was blieb, war die Rolle als assistierende Lehrperson. > > Das ist kein Versagen. Das ist das Ziel: Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet. > > *Quelle: Leoste, J. & Heidmets, M. (2019). [[Quellen#Leoste & Heidmets – Robotik im Mathematikunterricht|Educational Technologist as a Change Agent]]. Springer.* --- > [!example] Estland · Beispiel 2 · Der Arbeitsalltag von Emma Loore Sinitamm, Tallinn 2024 > > **Quelle:** Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025 · Eisner, didacta 2/2025 > > --- > > Emma Loore Sinitamm ist Educational Technologist am Gymnasium Mustamäe in Tallinn. Sie hat selbst als Lehrerin unterrichtet – und anschließend ein zweijähriges Masterstudium in Educational Technology absolviert, um die Rolle vollständig auszufüllen. > > Ein typischer Arbeitstag: Eine Lehrerin möchte Arbeitsblätter digitalisieren. Emma entwickelt das Material gemeinsam mit ihr in Canvas und zeigt, wie es eigenständig genutzt werden kann. Eine Klasse bekommt erstmals Zugang zu Moodle – Emma führt durch, beantwortet Fragen, zeigt Shortcuts. Das Smartboard in Raum 14 lässt sich wieder einmal nicht anschalten. Emma löst das Problem und dokumentiert die Lösung, damit der Lehrer sie künftig selbst anwenden kann. > > Was all diese Aufgaben verbindet: Die Lehrkraft wird nicht allein gelassen. Die Hürde wird genau dann überbrückt, wenn sie auftritt. > > *Quellen: [[Quellen#Deutsches Schulportal – Educational Technologists in Estland|Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025]] · Eisner, Roman: „Wie ein wildes Tier", didacta Magazin 2/2025, S. 12–15 ([bildungsklick.de](https://bildungsklick.de/schule/detail/bildungsgerechtigkeit-pisa-studie-estland))* --- > [!example] Estland · Beispiel 3 · Die Corona-Krise – was ohne Educational Technologist nicht funktioniert hätte > > **Quelle:** Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025 · Education Estonia > > --- > > März 2020. Schulen schließen von heute auf morgen. In Deutschland herrschte Chaos. In Estland nicht – zumindest dort nicht, wo eine ET-Person vorhanden war. > > Diana Veskimägi, Educational Technologist an der Pärnu Vanalinna School und Vorsitzende des Estnischen Berufsverbands der Educational Technologists, stellte innerhalb weniger Tage 48 Schülerinnen und Schülern sowie mehreren Lehrkräften die gesamte Schulausstattung zur Verfügung – Laptops, Tablets, Webcams, Headsets. Sie koordinierte Leihgeräte, löste Verbindungsprobleme und baute innerhalb einer Woche den digitalen Unterrichtsbetrieb auf. > > Diana Veskimägi fasst es so zusammen: **„Es ist nicht mehr nötig zu erklären, wer wir sind. Und auch nicht mehr, warum wir gebraucht werden."** > > *Quelle: [[Quellen#Deutsches Schulportal – Educational Technologists in Estland|Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025]] · [[Quellen#Education Estonia / Estonian Association of Educational Technologists|Education Estonia]]* --- > [!example] Estland · Beispiel 4 · Lehrkräfte-Fortbildung durch „Digitale Häppchen" – Erik Remma, Tallinn 2024/25 > > **Quelle:** Remma, Erik (2025). Tallinna Saksa Gümnaasium, 29. Dezember 2025 > > --- > > Am Deutschen Gymnasium Tallinn (Tallinna Saksa Gümnaasium) entwickelte Haridustehnoloog Erik Remma das Format **„Digiampsude" (Digitale Häppchen)** – ein hybrides Fortbildungsmodell für Lehrkräfte, in Kooperation mit der Universität Tallinn. > > Der Ausgangspunkt war kein verordnetes Programm, sondern ein identifizierter Bedarf: Digitale Werkzeuge waren an der Schule zwar vorhanden, die Kompetenzen der Lehrkräfte aber uneinheitlich. Und die Lehrkräfte hatten klar den Wunsch geäußert, sich weiterzuentwickeln. > > Statt einer klassischen Vorlesungsreihe: monatliche Präsenztreffen der Lerngruppe im Schulgebäude, ergänzt durch selbstständig bearbeitbare E-Learning-Module. Thema 2024/25: Erstellung von Lehrvideos via Screenrecording. Tools: Google Sites, H5P, Padlet, CapCut. Methodische Basis: Merrill- und Bloom-Modelle – keine reine Tech-Schulung, sondern pädagogisch fundierte Kompetenzentwicklung. > > Die größte Herausforderung war, was Remma selbst offen benennt: die Zeit. Der stressige Schulalltag machte es schwer, tiefer in die Materie einzutauchen. Deshalb: künftig ein noch flexiblerer Zeitplan. Nicht jede Teilnehmende erreichte die Videoerstellung – aber die erstellten Materialien wurden nachweislich weitergenutzt. Das Format hat sich bewährt und läuft bereits im zweiten Durchgang. > > Was dieses Beispiel zeigt: Der ET hat keinen Kurs von außen gebracht, sondern ein schulinternes Lernformat entwickelt, das auf dem Bedarf der Lehrkräfte aufbaut, im eigenen Tempo funktioniert und Materialien hinterlässt, die dauerhaft verfügbar bleiben. Kompetenz wird aufgebaut, nicht verwaltet. > > *Quelle: → [[Quellen#Remma, Erik – Digiampsude / Lehrkräfte-Fortbildung TSG Tallinn (Dezember 2025)|Remma (2025), Tallinna Saksa Gümnaasium]]* --- ## Teil 2 · Sechs illustrative Szenarien aus Berlin *Konstruierte Beispiele für den Berliner MINT-Unterricht – verankert in den Rahmenlehrplänen Sek I Berlin-Brandenburg.* --- > [!example] Szenario 1 · Physik, Klasse 9 · Messdaten digital auswerten > > **RLP-Verankerung:** [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Physik Sek I – Teil C]] · Kompetenzbereich „Erkenntnisse gewinnen" > *„Erfassen von Messdaten mithilfe von Messinterfaces; Auswerten von Messdaten mit Tabellenkalkulationssoftware"* > > --- > > Eine Physiklehrkraft plant eine Einheit zu Bewegungsgesetzen. Der RLP fordert explizit die Nutzung von Tabellenkalkulationssoftware – die vorhandenen Schul-Tablets bleiben ungenutzt, weil eine aufbereitete Vorlage fehlt und die Lehrkraft keine Zeit für die Einrichtung hat. > > Der ET setzt sich mit der Lehrkraft zusammen und entwickelt gemeinsam eine Tabellenkalkulations-Vorlage für s-t- und v-t-Diagramme – mit automatischer Diagrammerstellung und Formelfeldern für die häufigsten Messsituationen. Er zeigt der Lehrkraft, wie sie die Vorlage in Zukunft eigenständig anpassen kann. > > In der ersten Unterrichtsstunde ist der ET dabei – nicht als Leiter, sondern als Sicherheitsnetz. Die Lehrkraft führt durch. Ab der zweiten Stunde ist der ET nicht mehr nötig. > > Die fertige Vorlage wird im schulinternen Materialpool abgelegt. Vier weitere Physik-Kolleg:innen übernehmen sie ohne weitere Einweisung. > > Das Muster: Der RLP-Auftrag war klar – gefehlt hat die Verbindung zwischen Anforderung und vorhandenem Werkzeug. Der ET hat diese Verbindung hergestellt. Die pädagogische Entscheidung, wie die Stunde aufgebaut ist, blieb bei der Lehrkraft. > > *RLP-Kompetenztags: `Erkenntnisse gewinnen` · `Digitale Werkzeuge` · `Tabellenkalkulationssoftware`* --- > [!example] Szenario 2 · Biologie, Klasse 7/8 · 3D-Modelle kritisch nutzen > > **RLP-Verankerung:** [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Biologie Sek I – Teil C]] · Kompetenzbereich „Mit Modellen umgehen" > *„Modelle beschreiben, nutzen und ihre Grenzen reflektieren; zwischen Modell und Wirklichkeit unterscheiden"* > > --- > > Eine Biologielehrkraft nutzt seit einem Halbjahr eine App mit interaktiven 3D-Zellmodellen. Die Schüler:innen navigieren kompetent – aber die RLP-Kompetenz „Grenzen von Modellen reflektieren" wird nicht angesteuert. Die App wird konsumtiv genutzt, nicht analytisch. > > Der ET wird im Lehrerzimmer durch eine Bemerkung aufmerksam: Die Lehrkraft erzählt beiläufig, dass viele Schüler:innen in der letzten Klausur bei der Modellfrage versagt hätten. Der ET fragt vorsichtig, ob er einmal in einer Stunde dabei sein dürfe. Die Lehrkraft sagt zu – aber zögernd, weil sie die App bewusst eingeführt habe und nicht möchte, dass das Konzept infrage gestellt wird. > > Nach der Hospitation benennt der ET seine Beobachtung: Die Schüler:innen wissen, wie das Modell *aussieht* – sie fragen nicht, was es vereinfacht oder weglässt. Die Lehrkraft reagiert zunächst zurückhaltend: Die analytische Reflexion sei in einer anderen Stunde geplant, das Modell allein sei für den Einstieg gedacht. Der ET widerspricht nicht. Er fragt nach: Wie verbindet die Lehrkraft die beiden Stunden? Hat sie selbst das Gefühl, dass die Verbindung trägt? > > Im Gespräch entsteht ein anderes Bild. Die Lehrkraft erkennt: Die zweite Stunde holt nicht ein, was die erste offen lässt. Erst jetzt – nicht vorher – wird ein gemeinsames Aufgabenformat entwickelt: Modell und Elektronenmikroskopaufnahme direkt vergleichen, Unterschiede benennen. Die Lehrkraft entwickelt die konkrete Aufgabe selbst, sie kennt geeignete Mikrografien. > > Der ET ist in der Erprobungsstunde **nicht** dabei. Er macht ausdrücklich klar: keine Evaluation, keine Hospitation. Drei Wochen später kommt die Lehrkraft auf ihn zu: „Es funktioniert anders, als ich dachte – nicht alle kommen sofort mit, aber die Diskussionen sind tiefer." Sie entwickeln das Format gemeinsam weiter und stellt es im nächsten Fachgruppengespräch vor – ohne den ET. > > Was hier zählt: Der ET ist nicht der bessere Didaktiker. Er ist die Person, die einen Befund benennen darf, ohne dass er als Bewertung gehört wird. Diese Konstellation funktioniert nur, weil der ET keine Lehrkräfte beurteilt – sonst wäre die zögerliche Erstreaktion der Lehrkraft schon Verteidigung gewesen, nicht Aushandlung. Die didaktische Hoheit blieb bei der Lehrkraft. Die Wirkung kam aus dem zweiten Zyklus, nicht aus der ersten Intervention. > > *RLP-Kompetenztags: `Modellkompetenz` · `Erkenntnisse gewinnen` · `Medienbildung` · `Nicht-Evaluation`* --- > [!example] Szenario 3 · NaWi 5/6, Klasse 6 · Messinterfaces einführen > > **RLP-Verankerung:** [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP NaWi 5/6 – Teil C]] · Themenfeld 3.1 „Von den Sinnen zum Messen" > *„Messinterfaces einsetzen; Messergebnisse digital erfassen und darstellen; Sinneswahrnehmung und Messgerät vergleichen"* > > --- > > USB-Sensoren für Temperatur und Licht liegen seit zwei Jahren ungenutzt im Lager. Die Geräte wurden beschafft, aber nie konfiguriert. Keine Lehrkraft weiß, wie sie in den Unterricht eingebunden werden – und im Themenfeld „Von den Sinnen zum Messen" bleibt der RLP-Auftrag, Messinterfaces einzusetzen, unerfüllt. > > Der ET findet die Geräte bei einem Inventurrundgang. Er richtet sie mit kostenloser Open-Source-Software (**Phyphox**) auf den vorhandenen Schul-Tablets ein und testet die Grundfunktionen. Dann entwickelt er gemeinsam mit einer NaWi-Lehrkraft eine Einstiegssequenz: Schüler:innen schätzen die Raumtemperatur, messen sie instrumentell und vergleichen. > > Zusätzlich legt er ein zweiseitiges Handout „Messinterface starten in 30 Minuten" im Lehrerzimmer aus – als Einstiegshilfe für alle, die später eigenständig einsteigen wollen. > > Drei NaWi-Lehrkräfte setzen die Sensoren im laufenden Schuljahr ein. Das Themenfeld wird erstmals vollständig abgedeckt. Die Sequenz wird ins schuleigene Curriculum aufgenommen. > > Der Hebel: Infrastruktur war vorhanden, die pädagogische Nutzung war nicht vorbereitet. Der ET hat die Verbindung zwischen vorhandenem Material und RLP-Auftrag hergestellt – und mit dem Lehrerzimmer-Handout dafür gesorgt, dass andere ohne weitere Einweisung nachziehen können. > > *RLP-Kompetenztags: `Experimentelle Methode` · `Digitale Werkzeuge` · `Messinterfaces`* --- > [!example] Szenario 4 · Informatik/Physik WP, Klasse 9/10 · Physical Computing fächerverbindend > > **RLP-Verankerung:** [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Informatik Sek I – Teil C]] · Wahlthemenfeld 3.9 „Physical Computing" > *„Sensoren und Aktoren programmgesteuert einsetzen; physische und digitale Systeme verknüpfen; Projektarbeit als Lernmethode"* > > --- > > Eine Informatiklehrkraft plant eine Einheit zu Mikrocontrollern. Eine Physiklehrkraft möchte eine experimentell stärker ausgerichtete Einheit zu Sensorik umsetzen. Beide Vorhaben existieren parallel – ohne dass die Lehrkräfte wissen, dass sie dasselbe Ziel aus verschiedenen Fächern beschreiben. > > Der ET kennt beide Planungen aus Einzelgesprächen. Er bringt beide Lehrkräfte zusammen und zeigt ihnen, wo sich ihre Kompetenzerwartungen überschneiden. Er bringt ein Beispiel mit, das er bei einer Fortbildung gesehen hat: einen Arduino-basierten Wetterlogger, der Programmierkonzepte und physikalische Sensorik in einer Projektaufgabe verbindet. > > Beide Lehrkräfte entwickeln das Format gemeinsam weiter. Der ET beschafft die Hardware-Kits über das schulische Budget und erstellt ein schrittweises Code-Gerüst als Differenzierungshilfe für leistungsschwächere Schüler:innen. > > Alle 18 Schüler:innen schließen das Projekt ab. Das Format wird als jährliches Wahlpflicht-Projekt verankert. Zwei Schulen aus dem Bezirksnetzwerk übernehmen die Materialien. > > Worum es geht: Beide Vorhaben waren vorhanden – die Verbindung zwischen ihnen fehlte. Der ET hat diese Verbindung sichtbar gemacht und ein konkretes Format eingebracht, das die Lehrkräfte eigenständig übernehmen konnten. Ohne den ET wäre dieselbe Stunde an zwei Orten parallel geplant worden – ohne dass eine der beiden Lehrkräfte je davon erfahren hätte. > > *RLP-Kompetenztags: `Physical Computing` · `Fächerverbindend` · `Projektarbeit`* --- > [!example] Szenario 5 · Chemie, Klasse 8 · Digitale Versuchsprotokolle > > **RLP-Verankerung:** [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Chemie Sek I – Teil C]] · Kompetenzbereich „Kommunizieren" > *„Sachgerecht und adressatengerecht kommunizieren; Texte, Tabellen und Diagramme zur Dokumentation nutzen; Fachsprache schriftlich anwenden"* > > --- > > Eine Chemielehrkraft korrigiert wöchentlich 28 handschriftliche Versuchsprotokolle. Struktur und Fachsprache sind häufig lückenhaft. Die Lehrkraft sieht keine Möglichkeit, früher zu intervenieren – sie greift erst nach der Abgabe ein. > > Der ET schlägt eine digitale Protokollvorlage vor, die er gemeinsam mit der Lehrkraft in **OnlyOffice** entwickelt – einer Software, die auf dem Schulserver bereits lizenziert, aber nie für Schreibaufgaben genutzt worden ist. Die Vorlage gliedert das Protokoll in strukturierte Felder (Hypothese, Durchführung, Beobachtung, Auswertung) und enthält ausblendbare Sprachgerüste für unterschiedliche Sprachstände. > > Die fachlichen Entscheidungen – welche Begriffe, welche Satzanfänge, welche Differenzierungsstufen – trifft die Lehrkraft. Der ET richtet die technische Umgebung ein und zeigt, wie die Kommentarfunktion für direktes Feedback im Dokument genutzt werden kann. > > Nach drei Wochen Erprobung benennt die Lehrkraft ein Folgeproblem: Fachsprache verbessert sich kaum. Gemeinsam entwickeln beide eine Begriffsliste als optionale Einblendung. > > Die Korrekturzeit sinkt von 45 auf 20 Minuten pro Protokollsatz. Das Format wird auf Biologie-Protokolle übertragen. > > Was bleibt: Das Problem war bekannt, die Lösung nicht. Der ET hat eine konkrete Idee eingebracht, eine vorhandene Infrastruktur aktiviert und die Umsetzung gemeinsam mit der Lehrkraft entwickelt – nicht für sie. Mess- und Effekt: 25 Minuten weniger Korrektur pro Protokollsatz, übertragen in ein zweites Fach. > > *RLP-Kompetenztags: `Kommunizieren` · `Sprachbildung` · `Textproduktion`* --- > [!example] Szenario 6 · Mathematik, Klasse 7 · Formative Diagnostik digital > > **RLP-Verankerung:** Berliner Qualitätsstrategie Schule Digital 2025 · SenBJF > *„Datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung; digitale Diagnosewerkzeuge zur formativen Lernstandserhebung einsetzen"* > > --- > > Eine Mathematiklehrkraft stellt regelmäßig fest, dass Lernlücken aus vorangegangenen Einheiten erst in Klassenarbeiten sichtbar werden – zu spät für gezielte Förderung. Vor einer Stochastik-Einheit möchte sie wissen, wo die Klasse bei Bruchrechnung und Dezimalzahlen steht. > > Der ET weiß, dass die Schule eine Lizenz für **H5P / Lumi Education** hält, die nie konfiguriert wurde. Er richtet das Tool ein und entwickelt gemeinsam mit der Lehrkraft einen 10-minütigen Diagnosetest – differenziert nach RLP-Kompetenzerwartungen, selbstkorrigierend, anonym auswertbar. > > Die Aufgaben formuliert die Lehrkraft – das sind fachdidaktische Entscheidungen. Der ET exportiert die Ergebnisse nach dem Test in eine übersichtliche Dashboard-Ansicht: Stärken und Förderbedarf je Schüler:in auf einen Blick. > > Die Lehrkraft identifiziert sieben Schüler:innen mit Förderbedarf, richtet eine gezielte Fördergruppe ein und startet die Stochastik-Einheit mit einem differenzierten Einstieg. > > Das Diagnosesystem wird auf drei weitere Fächer der Schule ausgerollt – auf Initiative der Lehrkraft, nicht des ETs. > > Worauf es ankommt: Das Werkzeug war vorhanden und ungenutzt – der ET hat es aktiviert, konfiguriert und in eine konkrete Unterrichtssituation eingebettet. Die Diagnose selbst und die pädagogischen Konsequenzen lagen bei der Lehrkraft. Dass das System anschließend von der Lehrkraft selbst – nicht vom ET – auf andere Fächer ausgerollt wurde, ist das eigentliche Wirkungssignal. > > *RLP-Kompetenztags: `Formative Diagnostik` · `Schulentwicklung` · `Datengestützt`* --- ## Was alle sechs Szenarien gemeinsam haben In allen sechs Fällen gilt dasselbe Muster: Der ET überbrückt die Hürde genau dann, wenn sie auftritt – als technische Unterstützung, als Impulsgeber, als Verbindung zwischen vorhandener Idee und vorhandenem Werkzeug. In den ersten Schritten ist er intensiv präsent. Sobald die Lehrkraft die Methode einmal durchgeführt hat, wird der ET überflüssig – in diesem Teilbereich. Das ist kein Versagen. Das ist das Ziel. **Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet.** --- *Quellen: [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Physik]] / [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Biologie]] / [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Chemie]] / [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP Informatik]] / [[Quellen#V · Lehrpläne Berlin-Brandenburg (MINT)|RLP NaWi 5–6]] · Sek I Berlin-Brandenburg (2017) · Berliner Qualitätsstrategie Schule Digital 2025 (SenBJF) · Vorlage: Arbeitsweise estnischer Educational Technologists (Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025) · Eisner, Roman: „Wie ein wildes Tier", didacta Magazin 2/2025 ([bildungsklick.de](https://bildungsklick.de/schule/detail/bildungsgerechtigkeit-pisa-studie-estland))* --- > [!info] Praxisbeispiele als PDF > → [ET Praxisbeispiele herunterladen (PDF)](https://edutechberlin.de/downloads/ET_Praxisbeispiele.pdf) > *Neun Praxisbeispiele als druckfertiges PDF – drei dokumentierte Fälle aus Estland und sechs illustrative MINT-Szenarien aus Berlin.* --- *Alle Seiten: [[Startseite]] · [[Strategiepapier]] · [[Strategiepapier Berliner Senat|Strategiepapier Berliner Senat]] · [[Strategiepapier Freie Trägerschaft|Strategiepapier Freie Trägerschaft]] · [[ET Szenarien]] · [[Profil Thomas Nadler|Profil Thomas Nadler]] · [[Quellen]] · [[English]] · [[Impressum]] · [[Datenschutzerklärung]]*