# Eine Stelle, die es noch nicht gibt
## Educational Technologist an Schulen in freier Trägerschaft
*Strategiepapier · Freie Trägerschaft · Berlin / Brandenburg · Februar 2026*
→ [[Thomas Nadler – Persönliches Profil]] · [[Quellen - Datenbank]]
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## 1. Ausgangslage: Investiert, aber nicht angekommen
Berlin hat in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in die digitale Infrastruktur seiner Schulen investiert. Durch den DigitalPakt Schule wurden bundesweit rund 6,5 Milliarden Euro bereitgestellt; laut Zwischenbericht vom 30. Juni 2024 sind die Mittel an rund 90 Prozent der geförderten Schulen gebunden. Geräte stehen in Klassenräumen, WLAN-Netze sind ausgebaut, Lernplattformen lizenziert.
Was sich nicht im gleichen Maße verändert hat, ist die pädagogische Praxis. Die Infrastruktur ist vorhanden – die Begleitung der Lehrkräfte, diese Infrastruktur didaktisch sinnvoll zu nutzen, ist strukturell nicht gewährleistet.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Schulen oder Lehrkräfte. Es ist ein Designproblem: Beschafft wurde Hardware. Nicht finanziert wurden **Begleitpersonen**, die Lehrkräfte dauerhaft bei der pädagogischen Nutzung unterstützen.
> [!quote] Arbeitspapier 4, S. 16
> „Die Bereitstellung eines Internetzugangs für Schulen, des Aufbaus von Infrastruktur und der Ausreichung von digitalen Endgeräten allein können die pädagogischen Ziele des digitalen Medieneinsatzes jedoch nicht erreicht werden."
> — Mußmann/Hardwig, [[Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe.pdf]], Kooperationsstelle Göttingen, 2024
Diese Einschätzung stammt nicht aus einem Meinungsartikel, sondern aus einer der umfangreichsten empirischen Studien zur Arbeitsbelastung Berliner Lehrkräfte, die je durchgeführt wurde: der **GEW/Göttingen-Studie 2023/2024**, an der mehr als 3.000 Berliner Lehrkräfte aktiv teilgenommen haben. Die elf bisher veröffentlichten Arbeitspapiere (Mußmann/Hardwig, Kooperationsstelle Universität Göttingen, 2024/2025) liefern eine empirisch gesicherte Grundlage, die für dieses Strategiepapier systematisch ausgewertet wurde. → [[Quellen - Datenbank]]
**Die Lücke lässt sich in einem Satz beschreiben: Es gibt an Berliner Schulen keine hauptamtliche Fachkraft, deren einzige Aufgabe die kontinuierliche didaktische Begleitung von Lehrkräften beim Einsatz digitaler Werkzeuge ist.**
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## 2. Was vorhanden ist – und warum es nicht reicht
### Pädagogische IT-Betreuung im Nebenamt
Berliner Schulen verfügen über sogenannte **Pädagogische IT-Betreuer:innen** – Lehrkräfte, die im Nebenamt gleichzeitig pädagogische und technische Aufgaben übernehmen: Netzwerkberatung, Ausstattungsplanung, IT-Fortbildungskoordination und Medienkonzeptentwicklung – und dabei auch Hardware-Installation, Dokumentation, Inventarisierung und Wartung. Es handelt sich um eine strukturelle Mehrfachrolle im Nebenamt.
In Nordrhein-Westfalen erhalten Digitalisierungsbeauftragte eine **Entlastungsstunde pro Woche** – eine Regelung, die deutschlandweit als unzureichend gilt. An vielen Schulen in freier Trägerschaft liegen die Entlastungsstunden für Digitalbeauftragte in einer ähnlichen Größenordnung: zwei bis vier Wochenstunden für eine Aufgabe, die strukturell eine Hauptaufgabe wäre. Der Vergleich mit Estland, wo Educational Technologists gar nicht unterrichten, verdeutlicht, wie weit dieses Modell von einer wirkungsvollen Lösung entfernt ist.
### BliQ: Unterstützung von außen, nicht von innen
Seit dem 1. Januar 2025 bündelt das neugeschaffene **Berliner Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung (BliQ)** die Aufgaben des aufgelösten LISUM. BliQ bietet schulexterne Fortbildungsangebote im Bereich digitale Bildung an – ein sinnvolles Angebot, das aber strukturell anders funktioniert als schulinterne Begleitung.
Eine Fortbildung vermittelt Wissen an einem Tag. Eine schulintern verankerte Fachkraft begleitet Lehrkräfte wochenlang durch die konkrete Erprobung im eigenen Unterricht – mit der eigenen Klasse, in der eigenen Schulumgebung, mit der vorhandenen Infrastruktur. Beides ist wertvoll; beides ersetzt das andere nicht.
Das **Forum Bildung Digitalisierung** (FBD) belegt in seinem Orientierungspapier vom Januar 2026 – auf Basis einer bundesweiten Analyse von 41 KI-Fortbildungen für Schulleitungen und 19 Experteninterviews –, dass dieser Ansatz systemimmanent zu kurz greift: Nur **5 der 41 identifizierten Fortbildungen** adressieren den Bereich „Mitgestalten", also die strategische Verankerung in der Schulentwicklung. Die meisten Angebote beschränken sich auf Tool-Wissen. Das FBD fasst zusammen: „Punktuelle, einmalige Fortbildungen zu spezifischen KI-Themen decken die Komplexität und langfristigen Auswirkungen von KI auf die Schulentwicklung nicht ab." Was tatsächlich helfe, so das Orientierungspapier, sei „die Begleitung von Schulleitungen in diesem Transformationsprozess" – langfristig, schulintern, kontinuierlich. → [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf]]
### Was die Studien über den Status quo sagen
Die GEW/Göttingen-Studie und das FBD-Orientierungspapier ergeben zusammen ein konsistentes Bild. Die Zahlen sprechen für sich:
| Befund | Wert | Quelle |
|--------|------|--------|
| Lehrkräfte, die sich beim Einsatz digitaler Medien zu wenig unterstützt fühlen | 61 % | [[Arbeitspapier 8 – Gratifikationskrise.pdf\|AP 8]], S. 11 |
| Lehrkräfte, die digitale Medien wegen zu häufiger Ausfälle nicht sinnvoll einsetzen können | 66 % | [[Arbeitspapier 8 – Gratifikationskrise.pdf\|AP 8]], S. 12 |
| Lehrkräfte, die ausreichenden Support durch IT-Kontaktpersonen bestätigen | 27 % | [[Arbeitspapier 2 – Dienstliche Endgeräte.pdf\|AP 2]], S. 5 |
| Lehrkräfte, denen keine Zeit für eigene Medienkompetenz-Entwicklung bleibt | 60 % | [[Arbeitspapier 3 – Digitaler Stress.pdf\|AP 3]], S. 2–5 |
| Berliner Schulen mit hoher digitaler Reife – alle übrigen: mittel oder gering | 23 % | [[Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe.pdf\|AP 4]], S. 4 |
| Lehrkräfte, die Digitalisierung als Zusatzbelastung erleben | 71 % | [[Arbeitspapier 1 – Nutzung digitaler Medien.pdf\|AP 1]], S. 7–8 |
| Lehrkräfte, die Digitalisierung als Entlastung erleben | 6 % | [[Arbeitspapier 1 – Nutzung digitaler Medien.pdf\|AP 1]], S. 7–8 |
| Lehrkräfte, die sich im Umgang mit KI-Tools unsicher fühlen | 62 % | [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf\|FBD Orientierungspapier]], S. 6 |
| Schulleitungen, die Unterstützung bei strategischer KI-Verankerung benötigen | 67 % | [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf\|FBD Orientierungspapier]], S. 7 |
| Schulleitungen, die KI an ihrer Schule aktuell routinemäßig nutzen | 3 % | [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf\|FBD Orientierungspapier]], S. 6 |
Das Problem liegt nicht an fehlender Motivation: **75 Prozent der befragten Berliner Lehrkräfte** wünschen sich mehr digitale Elemente in ihrem Unterricht – nur 5 Prozent zeigen klares Desinteresse ([[Arbeitspapier 1 – Nutzung digitaler Medien.pdf|AP 1]], S. 4). Die Bereitschaft ist vorhanden. Was fehlt, ist die Unterstützungsstruktur.
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## 3. Was fehlt – die Rolle präzise
Ein **Educational Technologist** ist weder IT-Administrator noch Medienpädagoge im klassischen Sinne. Die Rolle lässt sich in drei Merkmalen beschreiben:
- **Hauptamtlich:** Die Aufgabe ist die einzige Aufgabe. Kein Unterricht, der die verfügbare Zeit strukturell begrenzt.
- **Schulnah:** Die Person kennt die konkrete Situation der Schule – ihre Infrastruktur, ihr Kollegium, ihre Lerngruppen – und begleitet Lehrkräfte über Wochen und Monate, nicht an einem einzigen Fortbildungstag. Im estnischen Vollmodell ist die Person fest an einer Schule verankert. Für einen deutschen Pilotkontext in einem Trägernetzwerk ist auch eine schulübergreifende Variante denkbar – dazu mehr in Abschnitt 6.
- **Didaktisch:** Der Fokus liegt ausschließlich auf der pädagogischen Nutzung digitaler Werkzeuge – nicht auf Wartung, nicht auf Verwaltung.
Die GEW/Göttingen-Studie benennt diese Rolle explizit. In den Arbeitspapieren 4, 5, 7, 8 und 9 wird sie in unterschiedlicher Formulierung gefordert:
> [!quote] Arbeitspapiere 4 und 5, S. 15–17
> „Schulen brauchen Personal mit IT-Fachkompetenz für technische Unterstützung" und „prozessuale Begleitung."
> — Mußmann/Hardwig, [[Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe.pdf|AP 4]] und [[Arbeitspapier 5 – Digitale Reife weiterführende Schulen.pdf|AP 5]], Kooperationsstelle Göttingen, 2024
> [!quote] Arbeitspapier 8, S. 17
> „Entlastungen bei den außerunterrichtlichen Aufgaben, z. B. durch Abgabe von Aufgaben an andere Beschäftigtengruppen, seien es Verwaltungskräfte, IT-Fachkräfte oder sozialpädagogische Spezialistinnen und Spezialisten."
> — Mußmann/Hardwig, [[Arbeitspapier 8 – Gratifikationskrise.pdf|AP 8]], Kooperationsstelle Göttingen, 2024
> [!quote] Arbeitspapier 7, S. 12
> „Andere Berufsgruppen sollten Lehrkräfte entlasten können. Vorbehalte gegenüber nicht klassisch ausgebildeten Kräften in der Schule sind angesichts der Lage unangebracht."
> — Mußmann/Hardwig, [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf|AP 7]], Kooperationsstelle Göttingen, 2024
**65 Prozent der Berliner Schulleitungen** – signifikant mehr als in Hamburg (48 %) – identifizieren das Fehlen von professionell unterstützendem Personal (explizit: IT-Fachkräfte) als eine der größten Herausforderungen für guten Unterricht ([[Arbeitspapier 9 – Schulleitungen.pdf|AP 9]], S. 10). Die Nachfrage ist nicht theoretisch. Sie ist dokumentiert.
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## 4. Estland: Die Rolle existiert – seit 20 Jahren
Was hier als neue Idee erscheint, ist in Estland etablierte Praxis – und seit Januar 2026 auch im deutschen Bildungsdiskurs als **Best Practice** anerkannt.
Seit **2005** gibt es an estnischen Schulen hauptamtliche Educational Technologists. Ihre Qualifikation umfasst ein reguläres Lehramtsstudium und einen Masterabschluss in „Educational Technology" an der Universität Tallinn oder Tartu. Sie unterrichten in der Regel nicht – ihre einzige Aufgabe ist die didaktische Begleitung des Kollegiums. Die Rolle ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, hat sich aber bottom-up durchgesetzt: von einzelnen Schulen über Kommunen bis zur heutigen Flächendeckung. Heute verfügt **jede zweite estnische Schule** über eine solche Stelle. Es gibt einen eigenen Berufsverband ([*Estonian Association of Educational Technologists*](https://haridustehnoloogid.ee/eng/)) mit öffentlicher Stellenbeschreibung und Musterprofil.
Digitale Kompetenzen sind in Estland kein isoliertes Schulfach. Sie sind Bestandteil aller Lehrpläne – was bedeutet, dass alle Lehrkräfte aller Fächer kontinuierliche Unterstützung brauchen. Der Educational Technologist ist genau diese Unterstützung.
> [!quote] [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf|Forum Bildung Digitalisierung, Orientierungspapier, S. 33]]
> „Estland ist mit seinen Educational Technologists als Best Practice zu nennen. Qualifizierte Fachkräfte fungieren dort als Berater:innen für Schulleitungen und Lehrkräfte und ermöglichen so eine langfristige und individuelle Begleitung von Schulen bei ihrem KI-Transformationsprozess."
> — Glinka/Fichtner/Wenninger/Matzen (FiBS), Forum Bildung Digitalisierung, Januar 2026
> [!quote] [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf|Forum Bildung Digitalisierung, Orientierungspapier, S. 27–28]]
> „Schulen in Estland bekommen zusätzliches Personal zur Unterstützung der Umsetzung von technologischen Entwicklungen zur Seite gestellt, die sogenannten Educational Technologists. Damit werden Lehrkräfte und Schulleitungen von Expert:innen unterstützt, die sich vollständig auf die Beratung und Hilfestellung bei technischen Aspekten konzentrieren können, während sich das schulische Personal seinen Aufgaben widmen kann. So werden Verantwortlichkeiten klar definiert, was zur Entlastung aller Beteiligten beitragen kann."
> — Glinka/Fichtner/Wenninger/Matzen (FiBS), Forum Bildung Digitalisierung, Januar 2026
Das [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf|FBD-Orientierungspapier]] wurde im Auftrag des Forums Bildung Digitalisierung erstellt, das von Deutschen Telekom Stiftung, Dieter Schwarz Stiftung und Wübben Stiftung Bildung getragen wird. Es handelt sich nicht um eine Meinungsäußerung, sondern um eine empirische Studie auf Basis von 41 analysierten Fortbildungsangeboten und 19 Experteninterviews.
> [!quote] Deutsche Bildungsberaterin nach Estland-Besuch
> „In NRW gibt es Digitalisierungsbeauftragte, die dafür mit einer Unterrichtsstunde entlastet werden. Die Educational Technologists in Estland müssen gar nicht unterrichten. Wenn wir in Deutschland jemanden hätten, der so qualifiziert wäre wie die Educational Technologists und dann noch die Zeit hätte, die Lehrer zu coachen, wäre das großartig."
> — [[Wie Bildungstechnologen in Estland die Schulen unterstützen - Deutsches Schulportal.pdf|Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025]]
### Was ein Educational Technologist konkret tut – drei Praxisbeispiele
Damit klar wird, wovon die Rede ist: kein abstraktes Konzept, sondern eine Rolle mit konkreten, alltäglichen Aufgaben. Drei dokumentierte Beispiele aus der estnischen Praxis:
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> [!example] Beispiel 1: Der Arbeitsalltag von Emma Loore Sinitamm, Tallinn 2024
>
> Emma Loore Sinitamm ist Educational Technologist an einem staatlichen Gymnasium in Tallinn. Ihren Masterabschluss in Educational Technology erwarb sie 2024 an der Universität Tallinn. Ein typischer Arbeitstag:
>
> - Eine Lehrerin möchte ihren Unterricht durch digitale Arbeitsblätter ersetzen. Emma sitzt mit ihr zusammen, entwickelt das Material in **Canvas** und zeigt, wie es in Zukunft eigenständig genutzt werden kann.
> - Eine Klasse bekommt erstmals Zugang zu **Moodle**. Emma führt Schülerinnen und Schüler durch die Plattform, beantwortet Fragen, zeigt Shortcuts.
> - Das Smartboard in Raum 14 lässt sich wieder einmal nicht anschalten. Emma löst das Problem – und dokumentiert die Lösung, damit der Lehrer es beim nächsten Mal selbst schafft.
>
> Was all diese Aufgaben verbindet: Die Lehrkraft wird nicht allein gelassen. Die Hürde wird genau dann überbrückt, wenn sie auftritt.
>
> *Quelle: [[Wie Bildungstechnologen in Estland die Schulen unterstützen - Deutsches Schulportal.pdf|Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025]]*
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> [!example] Beispiel 2: Robotik im Mathematikunterricht – wie Kompetenz übertragen wird
>
> Eine Studie der Universität Tartu dokumentierte, wie 134 estnische Mathematiklehrkräfte in bis zu 15 Unterrichtsstunden robotergestützte Aufgaben einführten – begleitet von einem Educational Technologist.
>
> Das Muster war in allen Schulen dasselbe: In den **ersten zwei bis drei Stunden** war die ET-Person intensiv gefragt – als technische Unterstützung, als Erklärerin, als Sicherheitsnetz. Ab der **vierten oder fünften Stunde** übernahmen die Lehrkräfte eigenständig. Die ET-Person wurde zur Assistentin – und schließlich weitgehend überflüssig.
>
> Das ist kein Versagen. Das ist das Ziel: **Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet.** Eine Lehrkraft, die eine Methode einmal mit Unterstützung durchgeführt hat, macht sie beim nächsten Mal allein. Der Educational Technologist schafft sich in jedem Teilbereich selbst ab.
>
> *Quelle: [Luik/Tõnisson, ResearchGate, 2014](https://www.researchgate.net/publication/300589130_The_Role_of_Educational_Technologist_in_Implementing_New_Technologies_at_School) (Langzeitstudie, 134 Lehrkräfte)*
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> [!example] Beispiel 3: Die Corona-Krise – was ohne Educational Technologist nicht funktioniert hätte
>
> März 2020. Schulen schließen von heute auf morgen. In Deutschland herrschte Chaos. In Estland nicht – zumindest dort nicht, wo eine ET-Person vorhanden war.
>
> Diana Veskimägi, Educational Technologist an der Pärnu Vanalinna School und Vorsitzende des Estnischen Berufsverbands der Educational Technologists, stellte innerhalb weniger Tage **48 Schülerinnen und Schülern sowie mehreren Lehrkräften** die gesamte Schulausstattung zur Verfügung – Laptops, Tablets, Webcams, Headsets, digitale Tafeln. Sie koordinierte Leihgeräte, löste Verbindungsprobleme und baute innerhalb einer Woche den digitalen Unterrichtsbetrieb auf.
>
> Die langfristige Wirkung war noch bedeutsamer: Lehrkräfte, die digitale Werkzeuge zuvor gemieden hatten, wurden durch die Krise zur Nutzung gezwungen – und entdeckten, dass digitale Lehrmittel den Alltag erleichtern. Diana Veskimägi fasst es so zusammen: „Es ist nicht mehr nötig zu erklären, wer wir sind. Und auch nicht mehr, warum wir gebraucht werden."
>
> *Quelle: [[Wie Bildungstechnologen in Estland die Schulen unterstützen - Deutsches Schulportal.pdf|Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025]] / [Education Estonia](https://www.educationestonia.org/educational-technologist-estonia/)*
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### Aktuell: AI Leap – die Rolle wächst
Estland hat 2025 mit **[AI Leap](https://tihupe.ee/en/)** (estnisch: TI-Hüpe) eine nationale Initiative gestartet, um Schulen auf das KI-Zeitalter vorzubereiten. Für 4.700 Gymnasiallehrkräfte und 20.000 Schülerinnen und Schüler werden schulbasierte Lerngemeinschaften aufgebaut, ein eigenes KI-Lerntool entwickelt und KI-Literacy-Schulungen eingeführt. Die Initiative wird vom Präsidenten der Republik getragen und von Bildungsministerium, Telekomkonzernen und Stiftungen finanziert.
Die Koordination in den Schulen liegt bei den Educational Technologists.
Estland ist seit PISA 2022 europäischer Spitzenreiter in allen drei Kernbereichen. Das estnische Modell zeigt: Die Rolle ist erprobt, nicht spekulativ. Und sie ist bottom-up entstanden – genau wie ein Pilotprojekt bei einem freien Träger.
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## 5. Warum jetzt – und warum freie Träger
### Die Gesundheitslage als Handlungsrahmen
Digitalisierung kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist eingebettet in eine tiefe Belastungskrise, die die GEW/Göttingen-Studie erstmals in diesem Umfang dokumentiert:
| Befund | Wert | Quelle |
|--------|------|--------|
| WHO5-Wohlbefindenswert Berliner Lehrkräfte (Normalwert: ≥ 50 Punkte) | 41,3 Pkt. | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf\|AP 7]], S. 3–4 |
| WHO5-Wert der deutschen Erwerbsbevölkerung zum Vergleich | 64,0 Pkt. | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf\|AP 7]], S. 3–4 |
| Lehrkräfte im Burnout-Risikobereich – moderates oder hohes Risiko | 79 % | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf\|AP 7]], S. 4–5 |
| Wohlbefindens-Differenz: hoher vs. niedriger digitaler Stress | −11 WHO5-Pkt. | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf\|AP 7]], S. 11–12 |
| Burnout-Differenz: hoher vs. niedriger digitaler Stress | +13 Pkt. | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf\|AP 7]], S. 11–12 |
| WHO5-Gewinn an Schulen mit hoher statt geringer digitaler Reife | +10 WHO5-Pkt. | [[Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe.pdf\|AP 4]], S. 12–14 |
Der Befund aus Arbeitspapier 11 ist besonders aufschlussreich: Auf die Frage, durch welche Maßnahmen Lehrkräfte die größte persönliche Entlastung erwarten, steht das **Abgeben von Aufgaben an andere Berufsgruppen** mit 7,7 von 10 Punkten auf Rang 1 – weit vor Kooperation, Lernplattformen oder persönlicher Arbeitsorganisation ([[Arbeitspapier 11 – Berufsattraktivität.pdf|AP 11]], S. 13). Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte erwartet dadurch eine Zeitersparnis von über einer Stunde pro Woche ([[Arbeitspapier 11 – Berufsattraktivität.pdf|AP 11]], S. 16–17).
### Freie Träger als Pioniere
Freie Träger haben eine strukturelle Möglichkeit, die staatliche Schulen nicht in gleicher Weise haben: **Sie können Personalentscheidungen eigenständig und schnell treffen.** Sie sind nicht an die Planungsrhythmen der Senatsverwaltung gebunden. Sie können Pilotformate entwickeln, erproben und skalieren.
Das FBD-Orientierungspapier beschreibt präzise, was diese Trägheit im staatlichen Bereich konkret bedeutet: „Systemträgheit, komplexe bürokratische Strukturen und unzureichende Vernetzung erschweren flexibles Handeln." Freie Träger sind von dieser Trägheit strukturell weniger betroffen. → [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf|FBD Orientierungspapier]], S. 32
Viele freie Träger in Berlin und Brandenburg betreiben mehrere Schulen oder ganze Schulnetzwerke. Diese Netzwerkgröße ist strategisch: Ein Pilotmodell, das an zwei oder drei Schulen gelingt, kann systematisch auf das gesamte Netzwerk übertragen werden. Das ist keine Einzelschullösung. Das ist ein Systemansatz.
Eine systematische Recherche im Februar 2026 ergab: **Kein freier Träger in Deutschland hat bislang eine hauptamtliche Stelle dieser Art eingerichtet.** Das Modell existiert in Estland seit 20 Jahren – in Deutschland ist die Stelle noch nicht erfunden worden. Wer jetzt handelt, besetzt die Erstposition.
Hinzu kommt ein betriebswirtschaftliches Argument: Kranke, ausgebrannte oder abgewanderte Lehrkräfte verursachen erhebliche Kosten – durch Ausfallvertretungen, Qualitätsverluste und Personalgewinnungsaufwand. An Schulen mit hoher digitaler Reife liegt das Wohlbefinden der Lehrkräfte messbar höher – ein Zusammenhang, der sich mit dem hier vorgeschlagenen Modell direkt adressieren lässt.
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## 6. Konkreter Pilotvorschlag: Das Multiplikator-Modell
### Grundidee
Das estnische Vollmodell sieht eine ET-Person pro Schule vor – schulintern, dauerhaft präsent. Für einen deutschen Einstieg ist dieses Modell direkt auf ein Trägernetzwerk übertragbar: statt einer Person pro Schule zunächst eine Person für mehrere Schulen, mit dem Ziel, nach erfolgreicher Erprobung schulindividuelle Stellen zu etablieren.
Der konkrete Pilotvorschlag folgt dabei dem Prinzip des Multiplikator-Modells: **Eine hauptamtliche EduTech-Stelle begleitet eine schulübergreifende Gruppe interessierter Lehrkräfte aus mehreren Schulen des Trägernetzwerks** – etwa 10–15 Personen über 18–24 Monate. Diese Lehrkräfte erproben neue digitale Unterrichtsformen mit direkter Unterstützung und wirken anschließend als interne Multiplikatoren in ihren Schulen.
Dieses Modell löst das Skalierungsproblem: Eine Stelle erzielt Wirkung in mehreren Schulen gleichzeitig.
### Eckdaten
| Parameter | Wert |
|-----------|------|
| Pilotphase | 18–24 Monate |
| Stellenumfang | 100 % (hauptamtlich, kein Unterricht) |
| Schulen im Pilot | 3–5 Schulen des Trägernetzwerks |
| Zielgruppe | je 2–3 interessierte Lehrkräfte pro Pilotschule |
| Modus | Einzelbegleitung + schulübergreifende Workshops + digitale Formate |
| Evaluation | jährliche Zwischenberichte; Abschlussbericht mit Verstetigenungsempfehlung |
### Aufgaben der Stelle
- Didaktische Einzelberatung bei der Unterrichtsentwicklung mit digitalen Werkzeugen
- Schulübergreifende Workshops und kollegiale Lernformate
- Entwicklung und Pflege schuleigener digitaler Konzepte (Medienentwicklungspläne, Lernplattformen)
- Brückenfunktion zwischen technischem Support und pädagogischem Bedarf
- Beratung der Schulleitungen bei Fragen der digitalen Schulentwicklung – einschließlich KI-Strategie
→ Wie diese Aufgaben im Schulalltag konkret aussehen, zeigen die drei [[#Was ein Educational Technologist konkret tut – drei Praxisbeispiele|Praxisbeispiele aus Estland]] in Abschnitt 4.
### Finanzierung
Eine Vollzeitstelle im gehobenen pädagogischen Dienst ist für einen Träger mit mehreren Schulen im Verhältnis zu den erzielbaren Entlastungseffekten und gesundheitsbedingten Ausfallkosten wirtschaftlich darstellbar.
Freie Träger können bei der Refinanzierung auf unterschiedliche Töpfe zurückgreifen: kirchliche oder Trägermittel, Stiftungsgelder, Landesmittel sowie mögliche Kofinanzierungen im Rahmen des [**DigitalPakt 2.0**](https://www.bmbf.de/bmbf/de/bildung/digitalpakt-schule/digitalpakt-schule_node.html) (beschlossen Dezember 2025, Laufzeit 2026–2030, 5 Mrd. € bundesweit). Der DigitalPakt 2.0 enthält erstmals eine eigenständige Säule für Schul- und Unterrichtsentwicklung. Personalkosten für IT-Administration waren bereits im DigitalPakt 1.0 über eine Zusatzvereinbarung förderfähig – ein Präzedenzfall für die noch ausstehenden Länderförderrichtlinien.
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## 7. Fazit
Berlin hat investiert. Die pädagogische Wirkung bleibt hinter dem Potenzial zurück – nicht wegen fehlender Motivation der Lehrkräfte, sondern wegen einer strukturellen Lücke in der Begleitungsstruktur. Die Forschung ist eindeutig: Das Forum Bildung Digitalisierung nennt Educational Technologists explizit als Best Practice, die GEW/Göttingen-Studie dokumentiert den Bedarf in Berlin, und das estnische Modell zeigt seit 20 Jahren, was möglich ist.
Freie Träger haben die Entscheidungsfähigkeit und die Netzwerkgröße, um diese Lücke als erste zu schließen – und damit ein Modell zu schaffen, das über das eigene Netzwerk hinaus wirkt.
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> [!info] Kontakt
> Wer diese Idee weiterentwickeln oder konkrete nächste Schritte besprechen möchte:
>
> **Thomas Nadler** | Diplom-Geologe, Lehrer und Digitalbeauftragter
> Ev. Grundschule Zehlendorf, Schulstiftung EKBO, Berlin
>
[email protected]
> [linkedin.com/in/thomas-nadler](https://www.linkedin.com/in/thomas-nadler/)
>
> → [[Thomas Nadler – Persönliches Profil]]
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## Quellen
Alle Arbeitspapiere: Mußmann, F./Hardwig, T., Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften, Georg-August-Universität Göttingen, 2024/2025.
| Dokument | Link |
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| Arbeitspapier 1 – Nutzung digitaler Medien | [[Arbeitspapier 1 – Nutzung digitaler Medien.pdf]] |
| Arbeitspapier 2 – Dienstliche Endgeräte | [[Arbeitspapier 2 – Dienstliche Endgeräte.pdf]] |
| Arbeitspapier 3 – Digitaler Stress | [[Arbeitspapier 3 – Digitaler Stress.pdf]] |
| Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe | [[Arbeitspapier 4 – Digitale Reife Grundstufe.pdf]] |
| Arbeitspapier 5 – Digitale Reife weiterführende Schulen | [[Arbeitspapier 5 – Digitale Reife weiterführende Schulen.pdf]] |
| Arbeitspapier 6 – Quer- und Seiteneinstieg | [[Arbeitspapier 6 – Quer- und Seiteneinstieg.pdf]] |
| Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit | [[Arbeitspapier 7 – Wohlbefinden und Gesundheit.pdf]] |
| Arbeitspapier 8 – Gratifikationskrise | [[Arbeitspapier 8 – Gratifikationskrise.pdf]] |
| Arbeitspapier 9 – Schulleitungen | [[Arbeitspapier 9 – Schulleitungen.pdf]] |
| Arbeitspapier 10 – Belastungen und Beanspruchungen | [[Arbeitspapier 10 – Belastungen und Beanspruchungen.pdf]] |
| Arbeitspapier 11 – Berufsattraktivität | [[Arbeitspapier 11 – Berufsattraktivität.pdf]] |
| FBD Orientierungspapier KI-Schulleitungsfortbildungen | [[2026-01-28-FBD-Orientierungspapier-KI-bezogene-Schulleitungsfortbildungen.pdf]] |
| Wie Bildungstechnologen in Estland die Schulen unterstützen | [[Wie Bildungstechnologen in Estland die Schulen unterstützen - Deutsches Schulportal.pdf]] |
| Vollständige Quellen-Datenbank | [[Quellen - Datenbank]] |