# ET PRAXISBEISPIELE ## Was ein Educational Technologist konkret tut – neun Beispiele aus Estland und Berlin **edutechberlin.de · Thomas Nadler · Stand: 27. April 2026** --- ## Was ist ein Educational Technologist? Ein Educational Technologist (ET) ist eine hauptamtliche Fachkraft, deren einzige Aufgabe die didaktische Begleitung von Lehrkräften beim Einsatz digitaler Werkzeuge ist. Kein Unterricht. Kein IT-Support im klassischen Sinne. Ausschließlich pädagogische Begleitung. Die Rolle existiert in Estland seit 2005. Heute hat jede zweite estnische Schule eine solche Stelle. Das Forum Bildung Digitalisierung (FBD, Januar 2026) nennt das estnische Modell explizit als europäische Best Practice. Dieses Dokument zeigt **neun konkrete Beispiele**: drei dokumentierte Fälle aus der estnischen Praxis und sechs illustrative Szenarien, die zeigen, wie dieselbe Haltung im Berliner MINT-Unterricht aussehen würde. *Alle sechs Berliner Szenarien sind illustrativ konstruiert. Keine realen Personen oder Schulen werden dargestellt. Die Rahmenlehrplan-Zitate sind authentisch.* \needspace{12\baselineskip} ```{=latex} \begin{tcolorbox}[colback=blue!5!white,colframe=senatblue,title=\textbf{Das gemeinsame Prinzip aller neun Beispiele},fonttitle=\sffamily] \textbf{Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet.}\vspace{1mm} Der ET überbrückt die Hürde genau dann, wenn sie auftritt. In den ersten Schritten ist er intensiv präsent. Sobald die Lehrkraft eine Methode einmal durchgeführt hat, wird er in diesem Teilbereich überflüssig. Das ist kein Versagen – das ist das Ziel. \end{tcolorbox} ``` \newpage # Teil 1 · Drei Praxisbeispiele aus Estland *Dokumentierte Fälle aus der estnischen Schulpraxis – real, benannt, nachvollziehbar.* ## Estland · Beispiel 1 · Robotik im Mathematikunterricht – wie Kompetenz übertragen wird Leoste & Heidmets (2019) untersuchten **134 estnische Lehrkräfte**, die mit Begleitung eines Educational Technologist jeweils bis zu 15 robotergestützte Mathematikstunden durchführten. Die ET-Rolle als technische Unterstützung und Robotik-Erklärer war in den ersten Stunden am stärksten gefragt – und verlor danach schnell an Bedeutung. Was blieb, war die Rolle als assistierende Lehrperson. Das ist kein Versagen. Das ist das Ziel: **Kompetenz wird übertragen, nicht verwaltet.** *Quelle: Leoste, J. & Heidmets, M. (2019). Educational Technologist as a Change Agent. Springer. DOI: 10.1007/978-3-030-35990-4_38* \needspace{10\baselineskip} --- ## Estland · Beispiel 2 · Der Arbeitsalltag von Emma Loore Sinitamm, Tallinn 2024 Emma Loore Sinitamm ist Educational Technologist am Gymnasium Mustamäe in Tallinn. Sie hat selbst als Lehrerin unterrichtet – und anschließend ein zweijähriges Masterstudium in Educational Technology absolviert, um die Rolle vollständig auszufüllen. **Ein typischer Arbeitstag:** Eine Lehrerin möchte Arbeitsblätter digitalisieren. Emma entwickelt das Material gemeinsam mit ihr in Canvas und zeigt, wie es eigenständig genutzt werden kann. Eine Klasse bekommt erstmals Zugang zu Moodle – Emma führt durch, beantwortet Fragen, zeigt Shortcuts. Das Smartboard in Raum 14 lässt sich wieder einmal nicht anschalten. Emma löst das Problem und dokumentiert die Lösung, damit der Lehrer sie künftig selbst anwenden kann. Was all diese Aufgaben verbindet: Die Lehrkraft wird nicht allein gelassen. Die Hürde wird genau dann überbrückt, wenn sie auftritt. *Quellen: Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025 · Eisner, Roman: „Wie ein wildes Tier", didacta Magazin 2/2025, S. 12–15 (bildungsklick.de)* \needspace{10\baselineskip} --- ## Estland · Beispiel 3 · Die Corona-Krise – was ohne Educational Technologist nicht funktioniert hätte März 2020. Schulen schließen von heute auf morgen. In Deutschland herrschte Chaos. In Estland nicht – zumindest dort nicht, wo eine ET-Person vorhanden war. Diana Veskimägi, Educational Technologist an der Pärnu Vanalinna School und Vorsitzende des Estnischen Berufsverbands der Educational Technologists, stellte innerhalb weniger Tage **48 Schülerinnen und Schülern** sowie mehreren Lehrkräften die gesamte Schulausstattung zur Verfügung – Laptops, Tablets, Webcams, Headsets. Sie koordinierte Leihgeräte, löste Verbindungsprobleme und baute innerhalb einer Woche den digitalen Unterrichtsbetrieb auf. Diana Veskimägi fasst es so zusammen: *„Es ist nicht mehr nötig zu erklären, wer wir sind. Und auch nicht mehr, warum wir gebraucht werden."* *Quelle: Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025 · Education Estonia* \newpage # Teil 2 · Sechs illustrative Szenarien aus Berlin *Konstruierte Beispiele für den Berliner MINT-Unterricht – verankert in den Rahmenlehrplänen Sek I Berlin-Brandenburg.* ## Berlin · Szenario 1 · Physik, Klasse 9 · Messdaten digital auswerten **RLP-Bezug:** Physik Sek I · Erkenntnisse gewinnen · Tabellenkalkulationssoftware Eine Physiklehrkraft plant eine Einheit zu Bewegungsgesetzen. Der RLP fordert explizit Tabellenkalkulationssoftware – die Schul-Tablets bleiben ungenutzt, weil eine Vorlage fehlt und die Lehrkraft keine Zeit für die Einrichtung hat. Der ET entwickelt gemeinsam mit der Lehrkraft eine Tabellenkalkulations-Vorlage für s-t- und v-t-Diagramme. In der ersten Unterrichtsstunde ist er dabei – als Sicherheitsnetz, nicht als Leiter. Ab der zweiten Stunde ist er nicht mehr nötig. Die fertige Vorlage wird im schulinternen Materialpool abgelegt. Vier weitere Physik-Kolleg:innen übernehmen sie ohne weitere Einweisung. *Das Muster: Der RLP-Auftrag war klar – gefehlt hat die Verbindung zwischen Anforderung und vorhandenem Werkzeug. Der ET hat diese Verbindung hergestellt. Die pädagogische Entscheidung blieb bei der Lehrkraft.* \needspace{10\baselineskip} --- ## Berlin · Szenario 2 · Biologie, Klasse 7/8 · 3D-Modelle kritisch nutzen *(Aushandlung)* **RLP-Bezug:** Biologie Sek I · Modellkompetenz · Erkenntnisse gewinnen Eine Biologielehrkraft nutzt seit einem Halbjahr eine App mit interaktiven 3D-Zellmodellen. Die Schüler:innen navigieren kompetent – aber die RLP-Kompetenz „Grenzen von Modellen reflektieren" wird nicht angesteuert. Die App wird konsumtiv genutzt, nicht analytisch. Der ET wird im Lehrerzimmer durch eine Bemerkung aufmerksam: Die Lehrkraft erzählt beiläufig, dass viele Schüler:innen in der letzten Klausur bei der Modellfrage versagt hätten. Der ET fragt vorsichtig, ob er einmal in einer Stunde dabei sein dürfe. Die Lehrkraft sagt zu – aber zögernd, weil sie die App bewusst eingeführt habe und nicht möchte, dass das Konzept infrage gestellt wird. Nach der Hospitation benennt der ET seine Beobachtung: Die Schüler:innen wissen, wie das Modell *aussieht* – sie fragen nicht, was es vereinfacht oder weglässt. Die Lehrkraft reagiert zunächst zurückhaltend: Die analytische Reflexion sei in einer anderen Stunde geplant. Der ET widerspricht nicht. Er fragt nach: Wie verbindet die Lehrkraft die beiden Stunden? Hat sie selbst das Gefühl, dass die Verbindung trägt? Im Gespräch entsteht ein anderes Bild. Die Lehrkraft erkennt: Die zweite Stunde holt nicht ein, was die erste offen lässt. Erst jetzt wird ein gemeinsames Aufgabenformat entwickelt: Modell und Elektronenmikroskopaufnahme direkt vergleichen, Unterschiede benennen. Der ET ist in der Erprobungsstunde **nicht** dabei. Er macht ausdrücklich klar: keine Evaluation, keine Hospitation. Drei Wochen später kommt die Lehrkraft auf ihn zu: *„Es funktioniert anders, als ich dachte – nicht alle kommen sofort mit, aber die Diskussionen sind tiefer."* *Was hier zählt: Der ET ist nicht der bessere Didaktiker. Er ist die Person, die einen Befund benennen darf, ohne dass er als Bewertung gehört wird. Die Konstellation funktioniert nur, weil der ET nicht beurteilt – sonst wäre die zögerliche Erstreaktion schon Verteidigung gewesen, nicht Aushandlung.* \needspace{10\baselineskip} --- ## Berlin · Szenario 3 · NaWi 5/6, Klasse 6 · Messinterfaces einführen **RLP-Bezug:** NaWi 5/6 · Experimentelle Methode · Messinterfaces USB-Sensoren für Temperatur und Licht liegen seit zwei Jahren ungenutzt im Lager. Im Themenfeld „Von den Sinnen zum Messen" bleibt der RLP-Auftrag, Messinterfaces einzusetzen, unerfüllt. Der ET findet die Geräte bei einem Inventurrundgang. Er richtet sie mit kostenloser Open-Source-Software (Phyphox) auf den Schul-Tablets ein und entwickelt mit einer NaWi-Lehrkraft eine Einstiegssequenz. Zusätzlich legt er ein zweiseitiges Handout „Messinterface starten in 30 Minuten" im Lehrerzimmer aus. Drei NaWi-Lehrkräfte setzen die Sensoren im laufenden Schuljahr ein. Das Themenfeld wird erstmals vollständig abgedeckt. *Der Hebel: Infrastruktur war vorhanden, die pädagogische Nutzung war nicht vorbereitet. Der ET hat die Verbindung zwischen vorhandenem Material und RLP-Auftrag hergestellt – und mit dem Handout dafür gesorgt, dass andere ohne weitere Einweisung nachziehen können.* \needspace{10\baselineskip} --- ## Berlin · Szenario 4 · Informatik / Physik WP, Klasse 9/10 · Physical Computing fächerverbindend **RLP-Bezug:** Informatik Sek I · Physical Computing · Fächerverbindend Eine Informatiklehrkraft plant Mikrocontroller, eine Physiklehrkraft plant Sensorik – ohne zu wissen, dass sie dasselbe Ziel aus verschiedenen Fächern beschreiben. Der ET kennt beide Planungen aus Einzelgesprächen. Er bringt beide Lehrkräfte zusammen, zeigt die Schnittmenge und bringt ein Beispiel mit: einen Arduino-basierten Wetterlogger, der Programmierkonzepte und physikalische Sensorik verbindet. Das Format wird als jährliches Wahlpflicht-Projekt verankert. Zwei weitere Schulen übernehmen die Materialien. *Worum es geht: Beide Vorhaben waren vorhanden – die Verbindung zwischen ihnen fehlte. Ohne den ET wäre dieselbe Stunde an zwei Orten parallel geplant worden – ohne dass eine der beiden Lehrkräfte je davon erfahren hätte.* \needspace{10\baselineskip} --- ## Berlin · Szenario 5 · Chemie, Klasse 8 · Digitale Versuchsprotokolle **RLP-Bezug:** Chemie Sek I · Kommunizieren · Sprachbildung Eine Chemielehrkraft korrigiert wöchentlich 28 handschriftliche Versuchsprotokolle. Struktur und Fachsprache sind häufig lückenhaft – Intervention ist erst nach der Abgabe möglich. Der ET entwickelt gemeinsam mit der Lehrkraft eine digitale Protokollvorlage in OnlyOffice – mit Sprachgerüsten für unterschiedliche Sprachstände und Kommentarfunktion für direktes Feedback. Die fachlichen Entscheidungen trifft die Lehrkraft. Die Korrekturzeit sinkt von 45 auf 20 Minuten pro Protokollsatz. Das Format wird auf Biologie-Protokolle übertragen. *Was bleibt: Das Problem war bekannt, die Lösung nicht. Der ET hat eine konkrete Idee eingebracht, eine vorhandene Infrastruktur aktiviert und die Umsetzung gemeinsam mit der Lehrkraft entwickelt – nicht für sie. Effekt: 25 Minuten weniger Korrektur pro Protokollsatz, übertragen in ein zweites Fach.* \needspace{10\baselineskip} --- ## Berlin · Szenario 6 · Mathematik, Klasse 7 · Formative Diagnostik digital **RLP-Bezug:** Qualitätsstrategie Schule Digital 2025 · Formative Diagnostik Eine Mathematiklehrkraft stellt fest, dass Lernlücken erst in Klassenarbeiten sichtbar werden – zu spät für gezielte Förderung. Der ET richtet H5P / Lumi Education ein – ein Tool, das die Schule lizenziert, aber nie konfiguriert hatte. Gemeinsam entwickeln sie einen selbstkorrigierenden Diagnosetest. Die Aufgaben formuliert die Lehrkraft. Der ET exportiert die Ergebnisse in eine Dashboard-Ansicht. Die Lehrkraft identifiziert sieben Schüler:innen mit Förderbedarf. Das System wird auf Initiative der Lehrkraft – nicht des ETs – auf drei weitere Fächer ausgerollt. *Worauf es ankommt: Das Werkzeug war vorhanden und ungenutzt – der ET hat es aktiviert, konfiguriert und in eine konkrete Unterrichtssituation eingebettet. Die Diagnose selbst und die pädagogischen Konsequenzen lagen bei der Lehrkraft. Dass das System anschließend von der Lehrkraft selbst – nicht vom ET – auf andere Fächer ausgerollt wurde, ist das eigentliche Wirkungssignal.* \newpage ## Quellen **Estnische Praxisbeispiele** Leoste, J. & Heidmets, M. (2019). *Educational Technologist as a Change Agent.* Springer. DOI: 10.1007/978-3-030-35990-4_38 Deutsches Schulportal, 23. Juni 2025 (Michelle Maier) · Education Estonia, [educationestonia.org/educational-technologist-estonia](https://www.educationestonia.org/educational-technologist-estonia/) Eisner, Roman: „Wie ein wildes Tier". *didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen*, Ausgabe 2/2025, S. 12–15. [bildungsklick.de](https://bildungsklick.de/schule/detail/bildungsgerechtigkeit-pisa-studie-estland) **Forum Bildung Digitalisierung** Glinka / Fichtner / Wenninger / Matzen (FiBS): *Orientierungspapier KI-bezogene Schulleitungsfortbildungen.* Januar 2026 – im Auftrag des Forums Bildung Digitalisierung. **Berliner Rahmenlehrpläne** Sek I Berlin-Brandenburg (2017): RLP Physik · Biologie · Chemie · Informatik · NaWi 5/6 · Berliner Qualitätsstrategie Schule Digital 2025 (SenBJF). Vollständige Quellen-Datenbank: [edutechberlin.de/Notizen/Quellen](https://edutechberlin.de/Notizen/Quellen) --- **Weitere Informationen, Strategiepapier und Kontakt:** [edutechberlin.de](https://edutechberlin.de) · [[email protected]](mailto:[email protected])